Vor gut einem Jahr, am 6. Oktober 2025, war Bitcoin so teuer wie nie: rund 126.000 $, in Euro über 107.000 €. Heute kostet ein Bitcoin rund 72.800 € – gut 35 % weniger. Im Juni und Juli 2026 ging es sogar bis auf rund 58.000 $ hinunter, mehr als die Hälfte unter dem Hoch.
Und kaum jemand redet darüber. Die Aufmerksamkeit der Anleger gehört seit Monaten der künstlichen Intelligenz. Genau das macht Bitcoin für mich wieder interessant. Ich habe mir die Daten angesehen: den Rainbow-Chart, den RSI, frühere Crashs und die Frage, wie man jetzt am besten einsteigt.
Meine These in drei Punkten
- Bitcoin ist gemessen an seinem langfristigen Trend günstig. Im Rainbow-Chart liegt der Kurs im unteren Teil des Regenbogens.
- Der Ausverkauf war historisch stark. Im Juni fiel der Monats-RSI so tief wie am Tiefpunkt 2022.
- Die Masse schaut woanders hin. Privatanleger und spekulatives Kapital jagen KI-Aktien, das Suchinteresse an Bitcoin ist auf einem Mehrjahrestief.
Gleichzeitig gilt: Bitcoin kann in einem Crash noch einmal stark fallen. Deshalb kaufe ich nicht alles auf einmal, sondern mit einem kleinen Sparplan.
Der Rainbow-Chart: Bitcoin im unteren Teil des Regenbogens
Der Rainbow-Chart ist eine der bekanntesten Bitcoin-Grafiken. Die Idee: Der Bitcoin-Kurs ist seit 2011 auf einer logarithmischen Skala immer langsamer, aber stetig gestiegen. Um diesen langfristigen Trend legt man farbige Bänder – von „Ausverkauf“ ganz unten bis „Maximale Blase“ ganz oben. Bekannt gemacht hat ihn die Seite Blockchaincenter.


In meiner eigenen Nachberechnung nach dem klassischen Prinzip liegt Bitcoin aktuell im zweituntersten Band, „Kaufen“. Gemessen am langfristigen Trend war Bitcoin seit 2011 nur an rund 27 % aller Tage günstiger als heute. Im aktuellen, dynamisch angepassten Rainbow-Chart von Blockchaincenter steht Bitcoin sogar im untersten Band.
Wichtig: Der Rainbow-Chart ist kein wissenschaftliches Modell. Die Macher selbst schreiben, er sei „nie ein ernsthafter Versuch“, den Kurs vorherzusagen. Die Kurve wurde schon zweimal angepasst, unter anderem 2022, als der Kurs unter die alten Bänder fiel. Ich nutze ihn nur als groben Kompass: Kaufe ich gerade eher teuer oder eher günstig?
Der RSI: Im Juni so tief wie am Tiefpunkt 2022
Der RSI (Relative-Stärke-Index) zeigt, wie stark ein Kurs zuletzt gestiegen oder gefallen ist. Werte nahe 100 bedeuten Überhitzung, niedrige Werte einen ausgeprägten Ausverkauf. Auf Monatsbasis ist der RSI bei Bitcoin ein seltenes, aber bisher recht verlässliches Signal.


Ende Juni 2026 fiel der Monats-RSI auf 40,7. Tiefer lag er nur ein einziges Mal: im Dezember 2022 mit 40,5 – genau am Tiefpunkt des letzten Bärenmarkts. Auch die anderen Tiefs 2015 und 2018 markierten jeweils das Ende großer Abstürze. Auf Wochenbasis lag der RSI im Februar und März 2026 bei rund 27, ebenfalls einer der tiefsten Werte überhaupt.
Ehrlich gesagt: Das stärkste Signal kam im Sommer. Seit dem Tief hat sich Bitcoin um rund 39 % erholt, der Monats-RSI liegt heute mit rund 52 im neutralen Bereich. Wer im Juni gekauft hat, hat alles richtig gemacht. Für mich ist die Botschaft trotzdem eindeutig: Der große Ausverkauf liegt vermutlich hinter uns, der Kurs ist aber noch weit vom Hoch entfernt.
Alle schauen auf KI
Warum will gerade kaum jemand Bitcoin? Die kurze Antwort: Das spekulative Geld ist in KI-Aktien geflossen.
- Die Analysten von K33 schrieben im Juni, ein Großteil des Marktes halte die Opportunitätskosten von Bitcoin für zu hoch, „while anything AI-related soars“.
- Bernstein stellte fest, dass Privatanleger in KI-Werte drängen. Die Zuflüsse über ETFs und Unternehmen lagen bis Juni bei rund 12 Mrd. $, nach rund 60 Mrd. $ im ganzen Jahr 2025.
- BTC-ECHO kommentierte: „Investoren auf der ganzen Welt verkaufen Krypto, um in KI zu investieren.“
- Selbst die Bitcoin-Miner satteln um: Viele vermieten ihre Rechenzentren an KI-Firmen. Laut CoinShares könnten börsennotierte Miner Ende 2026 bis zu 70 % ihres Umsatzes mit KI machen.
Die Folgen sieht man in den Daten. Das Google-Suchinteresse an „Bitcoin“ ist laut Medienberichten auf dem niedrigsten Stand seit mehreren Jahren. Die US-Bitcoin-ETFs verbuchten im Oktober bis zum 19. unterm Strich leichte Abflüsse. Der Fear-&-Greed-Index, ein Stimmungsbarometer für Krypto, fiel im Februar mit 5 von 100 auf ein Rekordtief und steht heute bei 50, also „neutral“ – von Euphorie keine Spur.
Genau das ist für mich der Kern der Sache. An der Börse wird oft dann am meisten verdient, wenn man gegen die Stimmung kauft. Als Bitcoin im Oktober 2025 auf dem Rekordhoch stand, war er in allen Nachrichten. Heute ist er Nebensache.
Das Crash-Szenario: Es kann noch einmal stark runtergehen
So verlockend das klingt: Bitcoin ist keine ruhige Anlage. Schon mehrfach hat er vom Hoch aus über drei Viertel seines Werts verloren.


Der aktuelle Rückgang war mit gut 50 % bisher milder als frühere. Das kann bedeuten, dass Bitcoin erwachsener geworden ist – durch ETFs, große Investoren und Unternehmen, die Bitcoin halten. Es kann aber auch bedeuten, dass das eigentliche Tief noch kommt. Ein Absturz wie 2022 um 77 % vom Hoch würde den Kurs auf rund 29.000 $ drücken.
Diese Risiken sehe ich konkret:
- Ein Crash an den Aktienmärkten. Im Juni fiel Bitcoin zusammen mit einem Ausverkauf bei KI- und Chipaktien. Platzt die KI-Euphorie, wird Bitcoin wahrscheinlich nicht verschont.
- Höhere Zinsen. Die US-Notenbank hat im September 2026 erstmals seit 2023 den Leitzins wieder angehoben. Das macht spekulative Anlagen weniger attraktiv.
- Große Verkäufer. Selbst Strategy (früher MicroStrategy), der größte Bitcoin-Halter unter den Unternehmen, hat im Mai erstmals seit 2022 Bitcoin verkauft, wenn auch nur 32 Stück.
- Steuern. Das Finanzministerium will die steuerfreie Haltefrist für Kryptowerte abschaffen, die ab 2027 gekauft werden. Beschlossen ist das noch nicht.
Der Halving-Zyklus liefert noch einen Hinweis. Das letzte Halving war im April 2024, das nächste kommt voraussichtlich im April 2028. In den letzten beiden Zyklen kam das Tief jeweils rund ein Jahr nach dem Hoch. Übertragen auf heute wäre das ungefähr jetzt. Ob sich Geschichte wiederholt, weiß niemand – das ist eine Analogie, keine Prognose.
Mein Fazit
„Kaufen, wenn keiner will“ – genau so fühlt sich Bitcoin gerade an. Der Kurs liegt deutlich unter dem Hoch, der Rainbow-Chart zeigt nach unten, der RSI hat im Sommer ein Signal gegeben, wie es das zuletzt am Tiefpunkt 2022 gab. Und die meisten Anleger schauen gebannt auf KI. Für mich ist das eine gute Gelegenheit, langfristig einzusteigen.
Trotzdem mache ich mir nichts vor: Bitcoin kann in einem Crash noch einmal 50 % oder mehr verlieren. Deshalb würde ich nicht alles auf einmal kaufen, sondern mit einem kleinen Sparplan beginnen und mein Investment über die nächsten Monate und Jahre in Ruhe aufbauen. Fällt der Kurs weiter, kaufe ich günstiger nach. Steigt er, bin ich dabei. Und ich investiere nur Geld, auf das ich viele Jahre verzichten kann und dessen Verlust ich verkraften würde – für mich wäre Bitcoin ein kleiner Baustein neben breit gestreuten ETFs, nicht das Fundament. Das ist meine Meinung, keine Empfehlung.
Häufige Fragen
Was ist der Bitcoin Rainbow-Chart?
Eine Grafik, die den Bitcoin-Kurs seit 2011 auf einer logarithmischen Skala zeigt und farbige Bänder um den langfristigen Trend legt – von „Ausverkauf“ (blau) bis „Maximale Blase“ (rot). Sie zeigt, ob Bitcoin im historischen Vergleich eher günstig oder teuer ist. Eine Prognose ist sie nicht, die Kurve wurde schon mehrfach angepasst.
Was sagt der RSI bei Bitcoin aus?
Der Relative-Stärke-Index misst auf einer Skala von 0 bis 100, wie stark der Kurs zuletzt gestiegen oder gefallen ist. Niedrige Werte zeigen einen Ausverkauf. Auf Monatsbasis fiel der RSI im Juni 2026 auf 40,7, fast so tief wie am Tiefpunkt im Dezember 2022 (40,5). Heute liegt er bei rund 52.
Wie stark ist Bitcoin seit dem Rekordhoch gefallen?
Vom Rekordhoch bei rund 126.000 $ am 6. Oktober 2025 fiel Bitcoin bis Anfang Juli 2026 auf rund 58.000 $, also um mehr als die Hälfte. Heute liegt der Kurs bei rund 81.500 $ beziehungsweise 72.800 €, etwa 35 % unter dem Hoch.
Ist ein Bitcoin-Sparplan sinnvoll?
Ein Sparplan glättet die starken Schwankungen: Bei niedrigen Kursen kauft dieselbe Rate mehr Bitcoin. Wer am Rekordhoch im Oktober 2025 einmalig gekauft hat, liegt heute bei rund −32 %. Ein Sparplan mit 50 € pro Monat ab November 2025 liegt dagegen bei rund +11 % (eigene Berechnung, ohne Gebühren und Steuern).
Muss ich Bitcoin-Gewinne versteuern?
Nach aktueller Rechtslage sind Gewinne steuerfrei, wenn du Bitcoin länger als ein Jahr hältst. Bei kürzerer Haltedauer gilt eine Freigrenze von 1.000 € pro Jahr. Das Finanzministerium plant, die Haltefrist für ab 2027 gekaufte Kryptowerte abzuschaffen; beschlossen ist das noch nicht.
Wie viel kann Bitcoin noch fallen?
Das weiß niemand. In früheren Zyklen verlor Bitcoin vom Hoch bis zum Tief 77 bis 93 %. Ein Rückgang wie 2022 (−77 %) vom letzten Hoch entspräche rund 29.000 $. Der bisherige Rückgang in diesem Zyklus lag bei gut 50 %.
Quellen
- Kursdaten: Coin Metrics Community API (Tageskurse in US-Dollar seit 2010), Kraken, CoinGecko (Kurs in Euro, 23.10.2026); Wechselkurse: EZB-Referenzkurse
- Rainbow-Chart: Blockchaincenter; RSI, Rainbow-Bänder und Sparplan-Beispiel: eigene Berechnung
- Stimmung: Fear & Greed Index, alternative.me, Abruf 23.10.2026
- CoinDesk: Bitcoin set for choppy summer as capital chases high-flying AI stocks, K33 says, 02.06.2026
- Yahoo Finance/Decrypt: Bitcoin boring, AI-hungry retail (Bernstein), 08.06.2026
- BTC-ECHO: KI-Investmentblase – muss sie platzen, damit Bitcoin steigen kann?, 05.06.2026
- CoinShares: Bitcoin Mining Report Q1 2026
- IG: Why has Bitcoin crashed below $60,000?, 26.06.2026
- The Block: Strategy sells bitcoin
- Federal Reserve: Erklärung vom 16.09.2026
- Grant Thornton: BMF plant Reform der Krypto-Besteuerung, 25.09.2026; Deutscher Bundestag: Petition zur Haltefrist
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