Das Wichtigste in Kürze
- Kennzahlen immer im Vergleich lesen: mit der eigenen Historie und mit der Branche.
- Für den Anfang reichen vier Fragen: Wächst es, verdient es, übersteht es Krisen, was kostet es?
- Cash lügt nicht: Der Free Cashflow ist schwerer zu schönen als der Gewinn.
01Das 4-Fragen-Raster am Beispiel
Einzeln sind Kennzahlen Schnappschüsse, kombiniert werden sie zum Röntgenbild. Wie das aussieht, zeigt die erfundene Muster AG: links die Zahlen aus dem Geschäftsbericht, rechts was die Kennzahlen daraus machen.
Geschäftsbericht Muster AG (Auszug)
| Börsenwert | 18.000 Mio. € |
| Umsatz | 10.000 Mio. € |
| EBITDA | 2.200 Mio. € |
| Operativer Gewinn (EBIT) | 1.500 Mio. € |
| Jahresüberschuss | 1.000 Mio. € |
| Free Cashflow | 900 Mio. € |
| Eigenkapital | 6.000 Mio. € |
| Bilanzsumme | 15.000 Mio. € |
| Nettoverschuldung | 2.000 Mio. € |
| Zinsaufwand | 150 Mio. € |
Was die Kennzahlen sagen
- KGVBewertungim üblichen Rahmen von 10 bis 2518
- PEGBewertungfür 9 % Gewinnwachstum eher sportlich2,0
- EV/EBITDABewertungmitten im üblichen Bereich von 8 bis 129,1
- EBIT-MargeProfitabilitätgut, an der 15-%-Schwelle15 %
- ROEProfitabilitätüber 15 %, ohne hohen Schuldenhebel16,7 %
- EKQSicherheitsolider Puffer, Schwelle 30 %40 %
- Net Debt/EBITDASicherheitunter 1: Schulden in einem Jahr tilgbar0,9
- FCF-YieldCashflowan der Schwelle zu attraktiv5,0 %
- CAGRWachstumsolide, aber unter 10 % p. a.8 %
Das Urteil: Qualität zu einem fairen, nicht billigen Preis. Erst wenn alle vier Antworten überzeugen, lohnt sich der Blick in den vollständigen Geschäftsbericht. Die Muster AG wäre ein Kandidat für die Beobachtungsliste.
Im Kontext lesen: gegen die eigene Historie und die Branche, nie absolut. Trends schlagen Schnappschüsse: eine von 12 auf 15 % gestiegene Marge ist besser als konstante 15 %. Misstrauisch bei Ausreißern: Traumwerte haben oft einen Haken, etwa Einmaleffekte oder ein Zyklushoch.
Bewertung (8 Kennzahlen)
Was kostet das Unternehmen? Keine dieser Kennzahlen sagt allein die Wahrheit.
KGVKurs-Gewinn-Verhältnis
FormelAktienkursGewinn je Aktie
Wie viele Jahresgewinne kostet die Aktie? Der Klassiker für den schnellen Preis-Check — am aussagekräftigsten im Vergleich zur eigenen Historie und zur Branche.
Daumenregel10–25 je nach Branche
Stolperfalle: Bei Verlustfirmen unbrauchbar; zyklische Gewinne (Auto, Chemie) machen das KGV am Hoch optisch billig.
KUVKurs-Umsatz-Verhältnis
FormelMarktkapitalisierungUmsatz
Bewertet den Umsatz statt des Gewinns — nützlich bei jungen Wachstumsfirmen, die (noch) keinen Gewinn machen.
Daumenregel< 2 günstig, > 10 sportlich
Stolperfalle: Umsatz ist nicht Gewinn: Ein niedriges KUV bei Mini-Margen ist kein Schnäppchen.
KBVKurs-Buchwert-Verhältnis
FormelKursBuchwert je Aktie
Vergleicht den Preis mit dem bilanziellen Eigenkapital. Beliebt bei Banken, Versicherern und Industrie.
Daumenregel< 1 = unter Substanzwert
Stolperfalle: Bei Software- und Markenunternehmen fast bedeutungslos — ihr Wert steht nicht in der Bilanz.
KCVKurs-Cashflow-Verhältnis
FormelKursoperativer Cashflow je Aktie
Wie das KGV, aber auf Basis des Cashflows statt des leichter gestaltbaren Gewinns — schwerer zu manipulieren.
Daumenregel< 10–15 günstig
Stolperfalle: Der operative Cashflow schwankt mit dem Working Capital; einzelne Jahre können täuschen.
PEGKurs-Gewinn-Wachstums-Verhältnis
FormelKGVGewinnwachstum (% p. a.)
Setzt die Bewertung ins Verhältnis zum Wachstum: Ein KGV von 30 ist bei 30 % Gewinnwachstum fair, bei 5 % absurd teuer.
Daumenregel≈ 1 fair, < 1 attraktiv
Stolperfalle: Wachstumsprognosen sind Schätzungen — ein PEG auf Analystenträumen ist Makulatur.
EV/EBITDAUnternehmenswert zu operativem Ergebnis
FormelUnternehmenswertEBITDA
Die Profi-Variante des KGV: berücksichtigt Schulden (Enterprise Value) und ist unabhängig von Abschreibungs- und Steuereffekten — ideal für Vergleiche.
Daumenregel8–12 üblich
Stolperfalle: EBITDA ignoriert echte Investitionskosten — Warren Buffett nennt es „Zahnfee-Gewinn“.
EV/SalesUnternehmenswert zu Umsatz
FormelUnternehmenswertUmsatz
Wie das KUV, aber inklusive Schulden — ein fairer Vergleich von Firmen mit unterschiedlicher Finanzierung. Oft für Wachstumswerte ohne Gewinn.
Daumenregelbranchenabhängig, < 3 moderat
FCF-YieldFree-Cashflow-Rendite
FormelFree CashflowMarktkapitalisierung
Wie viel echtes Geld wirft die Firma im Verhältnis zum Börsenwert ab? Das Gegenstück zur Anleihe-Rendite — hoch heißt günstig.
Daumenregel> 5 % attraktiv
Profitabilität (7 Kennzahlen)
Wie gut verdient es? Margen und Kapitalrenditen sind der TÜV eines Geschäftsmodells.
GMBruttomarge
FormelUmsatz − HerstellkostenUmsatz
Zeigt die Preissetzungsmacht: Wie viel bleibt vom Umsatz nach den direkten Kosten? Software erreicht 70–90 %, Handel oft unter 30 %.
Daumenregel> 40 % stark
Stolperfalle: Nur innerhalb der Branche vergleichen — Aldi mit Adobe zu vergleichen ist sinnlos.
OMOperative Marge / EBIT-Marge
FormelOperativer Gewinn (EBIT)Umsatz
Der Maschinenraum: Wie profitabel ist das Kerngeschäft nach allen laufenden Kosten? Stabil steigende Margen heißt: Skaleneffekte greifen.
Daumenregel> 15 % gut
NMNettomarge
FormelJahresüberschussUmsatz
Was am Ende für die Aktionäre übrig bleibt — nach Zinsen und Steuern.
Daumenregel> 10 % gut
ROEEigenkapitalrendite
FormelGewinnEigenkapital
Wie effizient arbeitet das Geld der Aktionäre? Dauerhaft hohe ROE ist das stärkste Qualitätssignal überhaupt.
Daumenregel> 15 % erstklassig
Stolperfalle: Hohe Schulden pushen die ROE künstlich — immer zusammen mit der Eigenkapitalquote lesen.
ROAGesamtkapitalrendite
FormelGewinnBilanzsumme
Wie effizient setzt das Management ALLE Vermögenswerte ein — unabhängig von der Finanzierung.
Daumenregel> 5 % solide
ROCERendite auf das eingesetzte Kapital
FormelEBITeingesetztes Kapital
Wie die ROE, aber inklusive Fremdkapital — entlarvt schuldengetriebene Scheinqualität.
Daumenregel> 15 % stark
ROICRendite auf das investierte Kapital
FormelNOPATinvestiertes Kapital
Die Königskennzahl der Qualität: Verdient die Firma mehr, als ihr Kapital kostet? Dauerhaft ROIC über WACC schafft echten Wert.
Daumenregel> Kapitalkosten (WACC)
Stolperfalle: Die Definition von „investiertem Kapital“ variiert je Quelle — konsistent rechnen; viel Goodwill kann das Bild verzerren.
Bilanz & Sicherheit (7 Kennzahlen)
Übersteht es Krisen? Schulden und Liquidität entscheiden im Abschwung.
EKQEigenkapitalquote
FormelEigenkapitalBilanzsumme
Der Risikopuffer: Je mehr Eigenkapital, desto mehr Krise kann das Unternehmen wegstecken, ohne in Not zu geraten.
Daumenregel> 30 % solide
Stolperfalle: Banken und Versorger funktionieren systembedingt mit weniger — Branchenkontext zählt.
Net Debt/EBITDANettoverschuldung zu EBITDA
FormelSchulden − KasseEBITDA
In wie vielen Jahren könnte die Firma ihre Schulden aus dem operativen Gewinn tilgen? Der wichtigste Schulden-Check.
Daumenregel< 3 okay, < 1 stark
Stolperfalle: Leasingverbindlichkeiten und Pensionslasten verstecken sich gern im Kleingedruckten.
ICRZinsdeckungsgrad
FormelEBITZinsaufwand
Wie locker bedient der Gewinn die Zinslast? Unter 2 wird es bei steigenden Zinsen oder Gewinneinbruch schnell eng.
Daumenregel> 5 entspannt
Stolperfalle: Bei variabel verzinsten Schulden kann sich das Bild binnen eines Jahres drehen.
Current RatioLiquidität 3. Grades
FormelUmlaufvermögenkurzfristige Verbindlichkeiten
Kann die Firma ihre kurzfristigen Schulden aus dem Umlaufvermögen decken? Der schnelle Liquiditäts-Check.
Daumenregel> 1,5 komfortabel
GearingVerschuldungsgrad
FormelNettoverschuldungEigenkapital
Das Verhältnis von Schulden zu Eigenkapital — zeigt den Hebel in der Bilanz.
Daumenregel< 100 % solide
FCFFree Cashflow
FormelOperativer Cashflow − Investitionen
Das echte Geld, das nach allen Investitionen übrig bleibt — für Dividenden, Rückkäufe, Schuldenabbau. Gewinne kann man gestalten, Cash kaum.
Daumenregelpositiv & wachsend
Stolperfalle: Stark investierende Wachstumsfirmen haben bewusst negativen FCF — entscheidend ist der Trend.
FCF-MargeFree-Cashflow-Marge
FormelFree CashflowUmsatz
Wie viel Cent echtes Geld bleiben je Euro Umsatz? Verbindet Profitabilität und Kapitalbedarf in einer einzigen Zahl.
Daumenregel> 10 % stark
Dividende & Cashflow (5 Kennzahlen)
Was kommt bei dir an? Pflicht für Einkommens-Anleger, inklusive Warnung vor Dividendenfallen.
DYDividendenrendite
FormelDividende je AktieKurs
Die jährliche Ausschüttung im Verhältnis zum Kurs — dein „Zins“ aufs investierte Kapital.
Daumenregel2–4 % gesund
Stolperfalle: Über 6 % ist oft ein Warnsignal: Der Markt zweifelt an der Nachhaltigkeit (Dividendenfalle).
PayoutAusschüttungsquote
FormelDividendeGewinn (oder FCF)
Welcher Gewinnanteil wird ausgeschüttet? Niedrig = Luft für Erhöhungen, nahe 100 % = auf Kante genäht.
Daumenregel30–60 % nachhaltig
Stolperfalle: Besser auf den FCF statt auf den Buchgewinn beziehen — Dividenden werden aus Cash gezahlt.
DGRDividendenwachstum
FormelSteigerung p. a. über 5–10 Jahre
Stetig wachsende Dividenden (Dividend Aristocrats: 25+ Jahre) signalisieren Disziplin und Geschäftsqualität.
Daumenregel> 5 % p. a. stark
Stolperfalle: Vergangenheit garantiert nichts — 2020 strichen selbst Traditionszahler die Dividende.
Buyback YieldRückkaufrendite
FormelNetto-AktienrückkäufeMarktkapitalisierung
Rückkäufe verringern die Aktienzahl und heben den Gewinn je Aktie — eine „stille Dividende“.
Daumenregelergänzt die Dividende
Wachstum & Effizienz (5 Kennzahlen)
Wie schnell und wie sauber wächst es? Tempo zählt nur, wenn es auch als Cash ankommt.
CAGRjährliche Wachstumsrate
Formel(Endwert ÷ Startwert)^(1/Jahre) − 1
Das geglättete jährliche Wachstum über mehrere Jahre — filtert einzelne Ausreißerjahre heraus.
Daumenregel> 10 % p. a. dynamisch
Stolperfalle: Sagt nichts über Profitabilität; per Übernahme „gekauftes“ Wachstum ist anders zu werten als organisches.
EPS-GrowthGewinnwachstum je Aktie
FormelVeränderung Gewinn je Aktie p. a.
Wächst der Gewinn JE AKTIE? Entscheidend, weil neue Aktien (Kapitalerhöhungen) das Wachstum verwässern.
Daumenregel> 10 % p. a. stark
Stolperfalle: Aktienrückkäufe heben das EPS-Wachstum ohne operatives Plus; Einmaleffekte verzerren einzelne Jahre.
Asset TurnoverKapitalumschlag
FormelUmsatzBilanzsumme
Wie viel Umsatz erzeugt jeder Euro Vermögen? Handel hat hohen, Industrie niedrigen Umschlag — Teil der DuPont-Zerlegung der ROE.
Daumenregelhöher = effizienter
CCRCash-Conversion-Rate
FormelFree CashflowNettogewinn
Wie viel des Buchgewinns wird zu echtem Cash? Dauerhaft unter 70 % ist ein Warnsignal für „Papiergewinne“.
Daumenregel> 80 % gesund
Rule of 4040er-Regel
FormelUmsatzwachstum % + FCF-Marge %
Die Faustregel für (Software-)Wachstumsfirmen: Wachstum und Profitabilität zusammen sollten mindestens 40 ergeben — schnelles Wachstum darf etwas Marge kosten.
Daumenregel≥ 40 gesund
Stolperfalle: Nur für skalierbare Geschäftsmodelle sinnvoll; je nach Margen-Definition variiert der Wert.
07Kennzahlen-Trainer: Analysiere fiktive Firmen
Bewerte die Werte erfundener Unternehmen und lerne spielerisch, wie die Kennzahlen zusammenspielen, vom einzelnen Wert bis zum Gesamturteil.
Hoher Umsatz, aber rote Zahlen — ein Schnäppchen?
08Häufige Fragen zu Finanzkennzahlen
Starte mit dem Vierer-Pack: Umsatzwachstum (wächst es?), operative Marge (verdient es?), Nettoverschuldung/EBITDA (überlebt es Krisen?) und KGV im historischen Vergleich (was kostet es?). Damit erkennst du 80 % aller Qualitäts- und Bewertungsprobleme.
Bei Tools wie Aktienfinder, TIKR oder aktien.guide grafisch über 10+ Jahre aufbereitet; die Rohdaten stehen im Geschäftsbericht (Investor-Relations-Seite). Auch Broker-Apps zeigen die Basics direkt in der Wertpapier-Ansicht.
Es gibt keine magische Zahl: Ein Versorger mit KGV 18 kann teuer sein, ein Software-Marktführer mit KGV 28 fair. Vergleiche immer mit der eigenen Historie (10-Jahres-Schnitt) und mit direkten Wettbewerbern — und setze das KGV über die PEG-Ratio ins Verhältnis zum Wachstum.
Weil Buchgewinne gestaltbar sind (Abschreibungen, Rückstellungen, Bewertungseffekte), Cash aber nicht lügt: Der FCF zeigt, wie viel echtes Geld nach allen Investitionen ankommt — daraus werden Dividenden, Aktienrückkäufe und Schuldentilgung bezahlt. Firmen mit dauerhaft starkem FCF sind selten schlechte Investments.
Nein — jede Kennzahl hat blinde Flecken (siehe Stolperfallen oben). Die Kunst ist die Kombination: Qualität (Margen, ROE/ROIC) + Sicherheit (Verschuldung) + Preis (KGV/EV-EBITDA) + Wachstum. Genau dieses Zusammenspiel übst du oben im Kennzahlen-Trainer.
Eingeschränkt: Für ETFs zählen vor allem TER (Gesamtkostenquote), Fondsvolumen, Replikationsart und Tracking-Differenz. Bewertungskennzahlen wie das KGV gibt es auch auf Index-Ebene — sie taugen aber eher zur groben Markteinordnung als zum Timing.
