Finanzkennzahlen verstehen

KGV, ROE, Free Cashflow: 32 Kennzahlen mit Formel, Daumenregel und Stolperfalle. Dein Nachschlagewerk für jede Aktienanalyse, mit Beispiel-Analyse und Trainer.

NachschlagewerkStand: Oktober 2026

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Das Wichtigste in Kürze

  1. Kennzahlen immer im Vergleich lesen: mit der eigenen Historie und mit der Branche.
  2. Für den Anfang reichen vier Fragen: Wächst es, verdient es, übersteht es Krisen, was kostet es?
  3. Cash lügt nicht: Der Free Cashflow ist schwerer zu schönen als der Gewinn.

01Das 4-Fragen-Raster am Beispiel

Einzeln sind Kennzahlen Schnappschüsse, kombiniert werden sie zum Röntgenbild. Wie das aussieht, zeigt die erfundene Muster AG: links die Zahlen aus dem Geschäftsbericht, rechts was die Kennzahlen daraus machen.

Geschäftsbericht Muster AG (Auszug)

Börsenwert18.000 Mio. €
Umsatz10.000 Mio. €
EBITDA2.200 Mio. €
Operativer Gewinn (EBIT)1.500 Mio. €
Jahresüberschuss1.000 Mio. €
Free Cashflow900 Mio. €
Eigenkapital6.000 Mio. €
Bilanzsumme15.000 Mio. €
Nettoverschuldung2.000 Mio. €
Zinsaufwand150 Mio. €

Was die Kennzahlen sagen

  • KGVBewertungim üblichen Rahmen von 10 bis 2518
  • PEGBewertungfür 9 % Gewinnwachstum eher sportlich2,0
  • EV/EBITDABewertungmitten im üblichen Bereich von 8 bis 129,1
  • EBIT-MargeProfitabilitätgut, an der 15-%-Schwelle15 %
  • ROEProfitabilitätüber 15 %, ohne hohen Schuldenhebel16,7 %
  • EKQSicherheitsolider Puffer, Schwelle 30 %40 %
  • Net Debt/EBITDASicherheitunter 1: Schulden in einem Jahr tilgbar0,9
  • FCF-YieldCashflowan der Schwelle zu attraktiv5,0 %
  • CAGRWachstumsolide, aber unter 10 % p. a.8 %
Wächst es?Umsatz +8 % pro Jahr, Gewinn je Aktie +9 %solide
Verdient es?EBIT-Marge 15 %, Eigenkapitalrendite 16,7 %ja
Übersteht es Krisen?Eigenkapitalquote 40 %, Schulden 0,9 × EBITDAja
Was kostet es?KGV 18, aber PEG 2,0fair bis sportlich

Das Urteil: Qualität zu einem fairen, nicht billigen Preis. Erst wenn alle vier Antworten überzeugen, lohnt sich der Blick in den vollständigen Geschäftsbericht. Die Muster AG wäre ein Kandidat für die Beobachtungsliste.

Drei goldene Regeln

Im Kontext lesen: gegen die eigene Historie und die Branche, nie absolut. Trends schlagen Schnappschüsse: eine von 12 auf 15 % gestiegene Marge ist besser als konstante 15 %. Misstrauisch bei Ausreißern: Traumwerte haben oft einen Haken, etwa Einmaleffekte oder ein Zyklushoch.

Bewertung (8 Kennzahlen)

Was kostet das Unternehmen? Keine dieser Kennzahlen sagt allein die Wahrheit.

KGVKurs-Gewinn-Verhältnis

FormelAktienkursGewinn je Aktie

Wie viele Jahresgewinne kostet die Aktie? Der Klassiker für den schnellen Preis-Check — am aussagekräftigsten im Vergleich zur eigenen Historie und zur Branche.

Daumenregel10–25 je nach Branche

Stolperfalle: Bei Verlustfirmen unbrauchbar; zyklische Gewinne (Auto, Chemie) machen das KGV am Hoch optisch billig.

KUVKurs-Umsatz-Verhältnis

FormelMarktkapitalisierungUmsatz

Bewertet den Umsatz statt des Gewinns — nützlich bei jungen Wachstumsfirmen, die (noch) keinen Gewinn machen.

Daumenregel< 2 günstig, > 10 sportlich

Stolperfalle: Umsatz ist nicht Gewinn: Ein niedriges KUV bei Mini-Margen ist kein Schnäppchen.

KBVKurs-Buchwert-Verhältnis

FormelKursBuchwert je Aktie

Vergleicht den Preis mit dem bilanziellen Eigenkapital. Beliebt bei Banken, Versicherern und Industrie.

Daumenregel< 1 = unter Substanzwert

Stolperfalle: Bei Software- und Markenunternehmen fast bedeutungslos — ihr Wert steht nicht in der Bilanz.

KCVKurs-Cashflow-Verhältnis

FormelKursoperativer Cashflow je Aktie

Wie das KGV, aber auf Basis des Cashflows statt des leichter gestaltbaren Gewinns — schwerer zu manipulieren.

Daumenregel< 10–15 günstig

Stolperfalle: Der operative Cashflow schwankt mit dem Working Capital; einzelne Jahre können täuschen.

PEGKurs-Gewinn-Wachstums-Verhältnis

FormelKGVGewinnwachstum (% p. a.)

Setzt die Bewertung ins Verhältnis zum Wachstum: Ein KGV von 30 ist bei 30 % Gewinnwachstum fair, bei 5 % absurd teuer.

Daumenregel≈ 1 fair, < 1 attraktiv

Stolperfalle: Wachstumsprognosen sind Schätzungen — ein PEG auf Analystenträumen ist Makulatur.

EV/EBITDAUnternehmenswert zu operativem Ergebnis

FormelUnternehmenswertEBITDA

Die Profi-Variante des KGV: berücksichtigt Schulden (Enterprise Value) und ist unabhängig von Abschreibungs- und Steuereffekten — ideal für Vergleiche.

Daumenregel8–12 üblich

Stolperfalle: EBITDA ignoriert echte Investitionskosten — Warren Buffett nennt es „Zahnfee-Gewinn“.

EV/SalesUnternehmenswert zu Umsatz

FormelUnternehmenswertUmsatz

Wie das KUV, aber inklusive Schulden — ein fairer Vergleich von Firmen mit unterschiedlicher Finanzierung. Oft für Wachstumswerte ohne Gewinn.

Daumenregelbranchenabhängig, < 3 moderat

FCF-YieldFree-Cashflow-Rendite

FormelFree CashflowMarktkapitalisierung

Wie viel echtes Geld wirft die Firma im Verhältnis zum Börsenwert ab? Das Gegenstück zur Anleihe-Rendite — hoch heißt günstig.

Daumenregel> 5 % attraktiv

Profitabilität (7 Kennzahlen)

Wie gut verdient es? Margen und Kapitalrenditen sind der TÜV eines Geschäftsmodells.

GMBruttomarge

FormelUmsatz − HerstellkostenUmsatz

Zeigt die Preissetzungsmacht: Wie viel bleibt vom Umsatz nach den direkten Kosten? Software erreicht 70–90 %, Handel oft unter 30 %.

Daumenregel> 40 % stark

Stolperfalle: Nur innerhalb der Branche vergleichen — Aldi mit Adobe zu vergleichen ist sinnlos.

OMOperative Marge / EBIT-Marge

FormelOperativer Gewinn (EBIT)Umsatz

Der Maschinenraum: Wie profitabel ist das Kerngeschäft nach allen laufenden Kosten? Stabil steigende Margen heißt: Skaleneffekte greifen.

Daumenregel> 15 % gut

NMNettomarge

FormelJahresüberschussUmsatz

Was am Ende für die Aktionäre übrig bleibt — nach Zinsen und Steuern.

Daumenregel> 10 % gut

ROEEigenkapitalrendite

FormelGewinnEigenkapital

Wie effizient arbeitet das Geld der Aktionäre? Dauerhaft hohe ROE ist das stärkste Qualitätssignal überhaupt.

Daumenregel> 15 % erstklassig

Stolperfalle: Hohe Schulden pushen die ROE künstlich — immer zusammen mit der Eigenkapitalquote lesen.

ROAGesamtkapitalrendite

FormelGewinnBilanzsumme

Wie effizient setzt das Management ALLE Vermögenswerte ein — unabhängig von der Finanzierung.

Daumenregel> 5 % solide

ROCERendite auf das eingesetzte Kapital

FormelEBITeingesetztes Kapital

Wie die ROE, aber inklusive Fremdkapital — entlarvt schuldengetriebene Scheinqualität.

Daumenregel> 15 % stark

ROICRendite auf das investierte Kapital

FormelNOPATinvestiertes Kapital

Die Königskennzahl der Qualität: Verdient die Firma mehr, als ihr Kapital kostet? Dauerhaft ROIC über WACC schafft echten Wert.

Daumenregel> Kapitalkosten (WACC)

Stolperfalle: Die Definition von „investiertem Kapital“ variiert je Quelle — konsistent rechnen; viel Goodwill kann das Bild verzerren.

Bilanz & Sicherheit (7 Kennzahlen)

Übersteht es Krisen? Schulden und Liquidität entscheiden im Abschwung.

EKQEigenkapitalquote

FormelEigenkapitalBilanzsumme

Der Risikopuffer: Je mehr Eigenkapital, desto mehr Krise kann das Unternehmen wegstecken, ohne in Not zu geraten.

Daumenregel> 30 % solide

Stolperfalle: Banken und Versorger funktionieren systembedingt mit weniger — Branchenkontext zählt.

Net Debt/EBITDANettoverschuldung zu EBITDA

FormelSchulden − KasseEBITDA

In wie vielen Jahren könnte die Firma ihre Schulden aus dem operativen Gewinn tilgen? Der wichtigste Schulden-Check.

Daumenregel< 3 okay, < 1 stark

Stolperfalle: Leasingverbindlichkeiten und Pensionslasten verstecken sich gern im Kleingedruckten.

ICRZinsdeckungsgrad

FormelEBITZinsaufwand

Wie locker bedient der Gewinn die Zinslast? Unter 2 wird es bei steigenden Zinsen oder Gewinneinbruch schnell eng.

Daumenregel> 5 entspannt

Stolperfalle: Bei variabel verzinsten Schulden kann sich das Bild binnen eines Jahres drehen.

Current RatioLiquidität 3. Grades

FormelUmlaufvermögenkurzfristige Verbindlichkeiten

Kann die Firma ihre kurzfristigen Schulden aus dem Umlaufvermögen decken? Der schnelle Liquiditäts-Check.

Daumenregel> 1,5 komfortabel

GearingVerschuldungsgrad

FormelNettoverschuldungEigenkapital

Das Verhältnis von Schulden zu Eigenkapital — zeigt den Hebel in der Bilanz.

Daumenregel< 100 % solide

FCFFree Cashflow

FormelOperativer Cashflow − Investitionen

Das echte Geld, das nach allen Investitionen übrig bleibt — für Dividenden, Rückkäufe, Schuldenabbau. Gewinne kann man gestalten, Cash kaum.

Daumenregelpositiv & wachsend

Stolperfalle: Stark investierende Wachstumsfirmen haben bewusst negativen FCF — entscheidend ist der Trend.

FCF-MargeFree-Cashflow-Marge

FormelFree CashflowUmsatz

Wie viel Cent echtes Geld bleiben je Euro Umsatz? Verbindet Profitabilität und Kapitalbedarf in einer einzigen Zahl.

Daumenregel> 10 % stark

Dividende & Cashflow (5 Kennzahlen)

Was kommt bei dir an? Pflicht für Einkommens-Anleger, inklusive Warnung vor Dividendenfallen.

DYDividendenrendite

FormelDividende je AktieKurs

Die jährliche Ausschüttung im Verhältnis zum Kurs — dein „Zins“ aufs investierte Kapital.

Daumenregel2–4 % gesund

Stolperfalle: Über 6 % ist oft ein Warnsignal: Der Markt zweifelt an der Nachhaltigkeit (Dividendenfalle).

PayoutAusschüttungsquote

FormelDividendeGewinn (oder FCF)

Welcher Gewinnanteil wird ausgeschüttet? Niedrig = Luft für Erhöhungen, nahe 100 % = auf Kante genäht.

Daumenregel30–60 % nachhaltig

Stolperfalle: Besser auf den FCF statt auf den Buchgewinn beziehen — Dividenden werden aus Cash gezahlt.

DGRDividendenwachstum

FormelSteigerung p. a. über 5–10 Jahre

Stetig wachsende Dividenden (Dividend Aristocrats: 25+ Jahre) signalisieren Disziplin und Geschäftsqualität.

Daumenregel> 5 % p. a. stark

Stolperfalle: Vergangenheit garantiert nichts — 2020 strichen selbst Traditionszahler die Dividende.

Buyback YieldRückkaufrendite

FormelNetto-AktienrückkäufeMarktkapitalisierung

Rückkäufe verringern die Aktienzahl und heben den Gewinn je Aktie — eine „stille Dividende“.

Daumenregelergänzt die Dividende

Shareholder YieldAktionärsrendite

FormelDividende + Netto-Rückkäufe + TilgungMarktkap.

Die gesamte Rendite, die ans Kapital zurückfließt — der ehrlichste Blick auf die Kapitalverwendung.

Daumenregel> 5 % aktionärsfreundlich

Wachstum & Effizienz (5 Kennzahlen)

Wie schnell und wie sauber wächst es? Tempo zählt nur, wenn es auch als Cash ankommt.

CAGRjährliche Wachstumsrate

Formel(Endwert ÷ Startwert)^(1/Jahre) − 1

Das geglättete jährliche Wachstum über mehrere Jahre — filtert einzelne Ausreißerjahre heraus.

Daumenregel> 10 % p. a. dynamisch

Stolperfalle: Sagt nichts über Profitabilität; per Übernahme „gekauftes“ Wachstum ist anders zu werten als organisches.

EPS-GrowthGewinnwachstum je Aktie

FormelVeränderung Gewinn je Aktie p. a.

Wächst der Gewinn JE AKTIE? Entscheidend, weil neue Aktien (Kapitalerhöhungen) das Wachstum verwässern.

Daumenregel> 10 % p. a. stark

Stolperfalle: Aktienrückkäufe heben das EPS-Wachstum ohne operatives Plus; Einmaleffekte verzerren einzelne Jahre.

Asset TurnoverKapitalumschlag

FormelUmsatzBilanzsumme

Wie viel Umsatz erzeugt jeder Euro Vermögen? Handel hat hohen, Industrie niedrigen Umschlag — Teil der DuPont-Zerlegung der ROE.

Daumenregelhöher = effizienter

CCRCash-Conversion-Rate

FormelFree CashflowNettogewinn

Wie viel des Buchgewinns wird zu echtem Cash? Dauerhaft unter 70 % ist ein Warnsignal für „Papiergewinne“.

Daumenregel> 80 % gesund

Rule of 4040er-Regel

FormelUmsatzwachstum % + FCF-Marge %

Die Faustregel für (Software-)Wachstumsfirmen: Wachstum und Profitabilität zusammen sollten mindestens 40 ergeben — schnelles Wachstum darf etwas Marge kosten.

Daumenregel≥ 40 gesund

Stolperfalle: Nur für skalierbare Geschäftsmodelle sinnvoll; je nach Margen-Definition variiert der Wert.

07Kennzahlen-Trainer: Analysiere fiktive Firmen

Bewerte die Werte erfundener Unternehmen und lerne spielerisch, wie die Kennzahlen zusammenspielen, vom einzelnen Wert bis zum Gesamturteil.

Runde 1 / 7
★ 0
SolarTec AGSolar · junges Wachstum
KUV14GewinnVerlustUmsatzwachstum+45 %

Hoher Umsatz, aber rote Zahlen — ein Schnäppchen?

08Häufige Fragen zu Finanzkennzahlen

Starte mit dem Vierer-Pack: Umsatzwachstum (wächst es?), operative Marge (verdient es?), Nettoverschuldung/EBITDA (überlebt es Krisen?) und KGV im historischen Vergleich (was kostet es?). Damit erkennst du 80 % aller Qualitäts- und Bewertungsprobleme.

Bei Tools wie Aktienfinder, TIKR oder aktien.guide grafisch über 10+ Jahre aufbereitet; die Rohdaten stehen im Geschäftsbericht (Investor-Relations-Seite). Auch Broker-Apps zeigen die Basics direkt in der Wertpapier-Ansicht.

Es gibt keine magische Zahl: Ein Versorger mit KGV 18 kann teuer sein, ein Software-Marktführer mit KGV 28 fair. Vergleiche immer mit der eigenen Historie (10-Jahres-Schnitt) und mit direkten Wettbewerbern — und setze das KGV über die PEG-Ratio ins Verhältnis zum Wachstum.

Weil Buchgewinne gestaltbar sind (Abschreibungen, Rückstellungen, Bewertungseffekte), Cash aber nicht lügt: Der FCF zeigt, wie viel echtes Geld nach allen Investitionen ankommt — daraus werden Dividenden, Aktienrückkäufe und Schuldentilgung bezahlt. Firmen mit dauerhaft starkem FCF sind selten schlechte Investments.

Nein — jede Kennzahl hat blinde Flecken (siehe Stolperfallen oben). Die Kunst ist die Kombination: Qualität (Margen, ROE/ROIC) + Sicherheit (Verschuldung) + Preis (KGV/EV-EBITDA) + Wachstum. Genau dieses Zusammenspiel übst du oben im Kennzahlen-Trainer.

Eingeschränkt: Für ETFs zählen vor allem TER (Gesamtkostenquote), Fondsvolumen, Replikationsart und Tracking-Differenz. Bewertungskennzahlen wie das KGV gibt es auch auf Index-Ebene — sie taugen aber eher zur groben Markteinordnung als zum Timing.

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Daumenregeln sind grobe Orientierungswerte und ersetzen keine Einzelfallprüfung. Die Muster AG ist frei erfunden. Keine Anlageberatung.